Vom Ordnen der Pinselstriche 2018

Text und Bilder aus Katalog zur Ausstellungsreihe Radiale 2018 in der Metropolregion Rhein-Neckar

Zuvor

das Streichen des Pinsels auf Papier, kontemplativ, beginnend in einem gedachten Ausschnitt innerhalb eines Formats, von oben nach unten, von links nach rechts, parallel zu den Außenlinien des Blattes; oder, in freier Bewegung, irgendwo aufsetzend, im Format verschoben, eine zufällige Richtung, eine zufällige Form abbildend, alleine sich genügend oder streng nebeneinander geführt, in geringem Abstand, geordnet, ungeordnet, zuweilen sich überlagernd, den Pinsel nach jeder gezogenen Spur neu betankt oder von Anfang bis zum Ende leergelaufen, wieder und wieder angesetzt auf dem einen Bogen Papier oder auf vielen weiteren, mit einem farblich intensiveren ‚Absatz‘ als zu Beginn, da der Pinsel einen Moment länger auf der Stelle ruht, ehe er das Papier verlässt, folgt all dies über die Dokumentation von Zeit, Kraft und Konzentration mittels stark reduziertem Material der Idee, Raum durch Malerei und Zeichnung zu erfahren.

Weiter

das Betrachten, Vermessen, Zählen, Schneiden, Nachzeichnen, in einen Druckstock übertragen, das Drucken und wieder das Schneiden, Anordnen in einem Format, ersten räumlichen Bezug schaffen durch Collage innerhalb der immer identischen Zeichnung eines Raums, oder als Hand-Werkzeug für die Zeichnung direkt auf die Wand, ein im Untersuchen sich dauerndes Auf-sich-selbst-beziehen und dadurch den Gestaltungsradius erweiternd, dem Spiel mit dem Pinselstrich, dem einen sichtbaren kurzen Moment des Streichens mit seinen unzählig vielen innewohnenden Kapazitäten, den freien Lauf lassen, ohne Vorstellung eines Ergebnisses.

Schließlich

das Umsetzen von Malerei in Zeichnung in Objekt und wieder in Malerei und wieder in Zeichnung und wieder in Objekt, und immer so weiter, das Denken und Lösen von Konzept und Exkurs, das Bewegen im System und Erkennen von Individualität, das Erleben von Kontrolle und Zufall, das Schaffen von Abstraktion und dem was es ist, das Öffnen von Vorstellung, das Wahrnehmen von Moment, das Verinnerlichen von Handlung, das persönliche Merkmal im allgemeingültigen Kontext.

Der Raum im Bild aus dem Raum und das Bild im Raum aus dem Bild und das Bild aus dem Bild im Raum und der Raum aus dem Raum im Bild.

140 Pinselstrichpaare, 05.11.2017, Stempeldruck, Tusche auf Papier, 70 x 100 cm